Johanna Diehl Biography Images Text
‚Neues Leben wird gemalt auf die Ruinen‘
in: ‚Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung‘,
25.10.2009, Autor Niklas Maak
Die Trennlinie, die seit 1974 Zypern teilt, ist eine
politische ebenso wie eine religiöse: Der Süden ist
christlich-orthodox, der Norden muslimisch. Die
Fotografin Johanna Diehl zeigt Ruinen verlassener
Gotteshäuser auf beiden Seiten. Sie erzählen vom
Drama eines Landes. Von Niklas Maak
Die Geschichte hat auf beiden Seiten Ruinen
hinterlassen. 1974 wurde auf Zypern bei einem
Putsch, den die griechische Junta unterstützte, der
Präsident gestürzt; es kam zu Pogromen gegen die
muslimische Bevölkerung, in deren Folge die Türkei
den Norden der Insel besetzte. Was folgte, war ein
dramatischer Exodus auf beiden Seiten, von dem noch
heute die Gotteshäuser beider Seiten erzählen: Im
Südteil sieht man verlassene Moscheen, Leerstellen
in der architektonischen Erzählung der Republik.
Im türkisch besetzten Norden ging man mit den
verlassenen Kirchen oft anders um: Viele wurden zu
Moscheen umgewandelt.
Johanna Diehl, die zu den interessantesten
Fotografinnen ihrer Generation gehört, hat auf beiden
Seiten diese entleerten, un- oder umgenutzten
Gotteshäuser fotografiert. Die formale Strenge ihrer
Aufnahmen erinnert aber nur auf den ersten Blick an
die Becher-Schule; interessant sind sie gerade wegen
ihrer erzählerischen Details und Abweichungen von
einer Typisierung. Auf einer Ikonostasis ist ein Graffiti
aufgesprüht, aus einer anderen wurden die Bilder
entfernt. Anderswo werden die Kirchen mit Teppichen
ausgelegt, aufgeklebte Linien aus Kreppstreifen
weisen Richtung Mekka, die Gebetsnische, die
Mihrab, wird einfach auf eine Kirchenwand gemalt.
In diesen Ein- und Überschreibungen von Architektur
offenbart sich die komplexe politische Geschichte
des Landes auf erstaunlich eindringliche Weise. Wie
schon in Johanna Diehls Arbeit über Odessa gelingt es
ihr auch hier mit einem fast surreal präzisen Blick für
minimale formale Details - dem Muster eines Rockes,
den Klebestreifen - das individuelle ebenso wie das
kollektive Schicksal von Menschen offenzulegen.
Dass diese Menschen meist nicht im Bild zu sehen
sind, verstärkt, wie in Filmen von Hitchcock, die
Wirkung des zu Erahnenden noch - wie man schon in
Diehls Arbeit über „Gefrorene Räume“ sehen konnte:
Dort dokumentierte sie die Zimmer von Verstorbenen
und andere Orte, die seit Jahren unverändert blieben
und in denen sich der Raum schleichend von einer
Bühne des Alltags in das Denkmal eines abwesenden
Lebens wandelte.
